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Von ewigen Thronfolgern, tschechischen Ärgernissen und siegreichen Scheibenbremsen - ein Rückblick auf die Radcross-Saison 2013/14
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03.03.2014

Von ewigen Thronfolgern, tschechischen Ärgernissen und siegreichen Scheibenbremsen - ein Rückblick auf die Radcross-Saison 2013/14

Info: Rennkalender Radcross-Saison 2013/14
Autor: Heike Oberfeuchtner (H.O.)



03.03.2014 - Wenn die Tage wieder länger werden, die Weihnachtsmänner in der Süßwarenabteilung den Osterhasen weichen und die Straßenrennsportler im Nahen Osten oder Südeuropa ihre ersten Rennen bestreiten – dann heißt es Abschied nehmen, von der Radcross-Saison. Tatsächlich fand am vorletzten Sonntag beim Sluitingsprijs der letzte offizielle Wettkampf und am vergangenen Mittwoch in Waregem das letzte Show-Event des Winterhalbjahres 2013/14 statt. Eine Bilanz aus statistischer Sicht zog LiVE-Radsport.com bereits vor ein paar Tagen, nun wollen wir die Menschen und die Geschichten hinter den Zahlen betrachten.

Die Weltspitze der Männer Elite ist breiter geworden
Das wichtigste Fazit der vergangenen Radcross-Saison – das wir auch schon statistisch untermauerten – lautet: Die internationale Spitze der Elite-Fahrer ist breiter aufgestellt als je zuvor. Nachdem in den vergangenen beiden Jahren eine Zunahme an belgischen Spitzenfahrern zu verzeichnen war, setzt sich dieser Trend jetzt gewissermaßen „im Ausland“ fort. Da wäre etwa der Niederländer Lars van der Haar (Rabo Giant Offroad), der in seinem zweiten Jahr bei der Elite gleich zu höchsten Weihen aufstieg. 22-jährig kürte er sich zum jüngsten Weltcup-Gesamtsieger aller Zeiten und beendete die Saison als Weltranglistenerster. Dabei ging er sehr klug vor: Um sich seine Kräfte einzuteilen, konzentrierte er sich ausschließlich auf CDM- und wenige ausgewählte andere Rennen. Der Franzose Francis Mourey (FDJ.fr) ist über 10 Jahre älter als Van der Haar, doch auch der achtfache Landesmeister konnte heuer starke Akzente setzen, gewann den Weltcup in Namur und war in Koksijde sowie in Nommay Zweiter. Prompt kam ein Vertragsangebot von Telenet-Fidea, von dem wir allerdings noch nicht wissen, ob Mourey es annehmen wird und wie es sich mit seinen Straßenradambitionen im Sommer verträgt. Und last but not least der dreifache deutsche Meister Philipp Walsleben (BKCP-Powerplus): Nach mäßig erfolgreichen Jahren fand er durch die Zusammenarbeit mit einem Psychologen und ein geändertes Trainingskonzept zu jener Stärke zurück, die ihn als Nachwuchsathleten auszeichnete. Viermal stand er auf dem Weltcup-Podest, wurde letztlich Gesamtzweiter – da mochte selbst das deutsche Fernsehen nicht zurückstehen und lud den Wahl-Belgier kurz vor der WM zum Interview. Schade, dass der 26-Jährige ausgerechnet dort hinter den Erwartungen zurückblieb und auch das Saisonende glanzlos verlief. Mindestens zwei Drittel des vergangenen Winters machen aber Mut für die Zukunft.

Glanz und Elend im Hause Belgien
Die Internationalisierung der Welt-Spitze wurde flankiert von einer überraschenden Schwächephase der belgischen Fahrer. Ausgerechnet die beiden Athleten, die in den vergangenen Jahren das eigene Lager aufgemischt hatten - Kevin Pauwels und Klaas Vantornout (beide Sunweb-Napoleon Games) - kamen nicht so recht aus dem Quark. Pauwels gewann lediglich zwei C1-Wettkämpfe und bewies ein schlechtes Händchen bei der Auswahl seiner Trainer. Im vergangenen Sommer trennte er sich lautstark von seinem damaligen Coach – welcher daraufhin Rob Peeters (Vastgoedservice) betreute, pikanterweise mit einigem Erfolg -, und nun ist auch die Zusammenarbeit mit dessen Nachfolger schon wieder beendet. Zdenek Stybars Trainer soll Pauwels jetzt aufs alte Niveau zurückbefördern. Sein Teamkollege Vantornout stand lediglich im Oktober zweimal ganz oben auf dem Podest, danach machte er fast nur noch mit einem verunglückten Beeinflussungsversuch der Streckengestaltung bei den Landesmeisterschaften von sich reden. Belgier aus der zweiten Reihe wussten um ein Vielfaches mehr zu überzeugen als das Sunweb-Trio – der schon erwähnte Rob Peeters, Wietse Bosmans (BKCP-Powerplus) und vor allem Weltcupfinal-Gewinner Tom Meeusen (Telenet-Fidea). Doch die Lücke konnten sie nicht ganz schließen, Meeusen vor allem deswegen nicht, weil er zu spät in Form kam.
Und Niels Albert? Das Sorgenkind der Nation machte die wohl enttäuschendste Saison seit Langem durch: kein Klassement, kein Titel, keine einzige Medaille. Dabei sind neun Siege, Platz zwei im Superprestige und in der bpost bank Trofee sowie Platz drei im Gesamtweltcup und in der Weltrangliste natürlich aller Ehren wert. Aber alle sind sich einig: Alberts Talent ist größer als das. Hängen bleiben ein Totalausfall bei der Landesmeisterschaft, Platz 20 bei der WM und das Debakel im Superprestige-Finale. Der 28-Jährige denkt nun über mehr Straßenrennen im Sommer nach und möchte das Trainingskonzept, das bei seinem Teamkollegen Walsleben (s.o.) wahre Wunder wirkte, auf seine Bedürfnisse anpassen. Zweifelsohne leidet der ewige Thronfolger von Sven Nys unter dem „Prinz Charles Syndrom“ – wenn der Großmeister einst abtritt, also voraussichtlich erst im März 2016, dann ist Albert selbst schon so „alt“, dass er vor den Belgiern der nächsten Generation - einem Meeusen, Bosmans, Wout van Aert oder gar Yannick Peeters – schwerlich bestehen wird. Apropos Nys: Zu dem 37-jährigen nimmermüden Dauerbrenner, der mit 15 Saisonsiegen, einem dreizehnten Superprestige, einer neunten bpost bank Trofee, einem neunten Landesmeistertitel und Silber bei der WM erneut eine hervorragende Saisonbilanz vorzuweisen hat, muss man nicht mehr viel sagen. Zwar mag sein Leistungsabfall im Weltcup beträchtlich sein, doch angesichts der Schwäche seiner Landsleute strahlt sein Stern desto heller. Der „Kannibale von Baal“ war es, der, häufig genug allein auf weiter Flur, der anrennenden internationalen Konkurrenz die Stirn bot.

Ein Ärgernis names Stybar
Von Zdenek Stybar (Omega Pharma-Quick Step) war oben schon einmal kurz die Rede gewesen. Der 28-Jährige sorgt dafür, dass auch die Tschechen sich irgendwie in der These von der Internationalisierung wiederfinden – obwohl Martin Bina (Kwadro-Stannah) trotz des zweiten Platzes in Zolder in seiner Entwicklung stagnierte und Teamkollege Radomir Simunek mehr als einen Schritt zurück machte. Aber natürlich ist Stybar nicht irgendein Radcrosser, ganz im Gegenteil, er ist derjenige, der nach zwei Saisons als Straßenradprofi, in denen er die Eneco Tour und eine Etappe bei der Vuelta gewann, in den Querfeldeinsport zurückkehrte und der bei der WM die versammelte Weltelite, so scheint es, am Nasenring durch die Arena führte. Gerade einmal fünf Rennen (zuzüglich „Boonen and friends“) war der polyglotte Sunnyboy vor seinem Auftritt in Hoogerheide gefahren und hatte auf Mallorca ein Training absolviert, das eher als Formaufbau für die Frühjahrsklassiker denn als spezifische Cross-Vorbereitung gelten konnte. Aber deswegen über das niedrige Leistungsvermögen der europäischen Elite zu klagen, das ginge doch zu weit. Schließlich lieferte Sven Nys sich mit Stybar ein Duell auf allerhöchstem taktischen und konditionellen Niveau und zumindest zu Beginn des Wettkampfs hatten auch Lars van der Haar und Francis Mourey mitmischen können. Außerdem – wer von den Belgiern hätte in die Rolle des Judas schlüpfen und Nys hinterherfahren wollen? Davon abgesehen schreiben Weltmeisterschaften immer ihre eigenen Gesetze, sie sind keineswegs die Quintessenz einer langen Saison. Das sieht man schon daran, dass sich über die Belgier trotz Internationalisierungstendenz der größte Medaillenregen seit Jahren ergoss. Und tatsächlich hatten Kevin Pauwels und Klaas Vantornout, ansonsten nahezu Totalausfälle (s.o.), ausgerechnet in Hoogerheide einen ihrer stärskten Auftritte. Ein Sieg von Pauwels wäre genauso „unfair“ gewesen wie der von Stybar – doch niemand hätte sich darüber aufgeregt. Dass das schöne Regenbogentrikot nun kaum zu sehen sein wird, ja, das ist schade – aber bei U23-Straßenradweltmeistern wegen ihrer Abwanderung ins Profi-Lager bekanntlich auch gang und gäbe.

Kurzer Blick über den Teich
In einem Jahr, in dem viel von der Internationalisierung des Radcross die Rede war – und sogar ein Runder Tisch von Rennveranstaltern zu diesem Thema einberufen wurde -, war Rom immer noch der exotischste Ort, an den sich der UCI-Weltcup wagte. Das soll sich aber schon im kommenden Jahr ändern: Dann steht erstmals das englische Milton Keynes auf dem CDM-Fahrplan. Ein nordamerikanischer Weltcup ist auch nur eine Frage der Zeit, wenn es nicht schon 2014/15 so weit ist, dann sicherlich in der übernächsten Saison. Als heißester Kandidat gilt das legendäre CrossVegas in Nevadas Spielerparadies. Und die US-amerikanischen Fahrer? Konnten sie endlich auch in europäischen Elite-Rennen auf sich aufmerksam machen? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Zwischen dem alten und dem neuen Kontinent liegt in dieser Hinsicht immer noch mehr als ein Ozean. Immerhin aber hat der amtierende US-Meister Jeremy Powers (Rapha-Focus) angekündigt, im kommenden Jahr weniger Rennen zu Hause und dafür jeden Weltcup zu bestreiten. Vielleicht hilft es ja. Eine gesonderte Saisonbilanz zur nordamerikanischen Cyclocross-Szene zog LiVE-Radsport im Übrigen bereits im Dezember.

Herausragende Leistungen im Frauen-, U23 und Junioren-Bereich
Natürlich dürfen wir über den „Herren der Schöpfung“ die drei anderen Kategorien nicht vergessen, die uns ebenfalls mit großartigem Sport und spannenden Wettkämpfen verwöhnt haben. Die Leistungsspitze bei den Damen ist zwar auch international bunt gemischt, aber nicht sehr breit. Weltmeisterin Marianne Vos (Rabobank Women) – obwohl aufgrund einer Operation heuer weniger dominant als gewohnt – und Weltcupgesamtsiegerin, 13-fache Saisonsiegerin sowie Weltranglistenerste Katherine Compton (Trek Cyclocross Collective) schweben ein gutes Stück über den anderen. Wenn die Niederländerin oder die US-Amerikanerin am Start ist, dann gewinnt in der Regel eine von beiden. Auf der Ebene darunter befinden sich mit Europameisterin Helen Wyman (Kona Factory) und Nikki Harris (Young Telenet Fidea) zwei Britinnen, die belgische Meisterin Sanne Cant (Enetherm-BKCP) – immer noch einziges weibliches Aushängeschild der großen Radcross-Nation – und in diesem Jahr auch Eva Lechner (Colnago), die erste Vizeweltmeisterin aus Italien. Nur Deutschland ist aufgrund des schleichenden Karriereendes von Hanka Kupfernagel und des Nachwuchsmangels leider nicht mehr auf den vorderen Rängen zu finden.
Was die Männer U23 angeht, so verblüffte uns Wunderkind Mathieu van der Poel, der nach nur einem Jahr bei den Junioren in der nächsthöheren Altersklasse nahtlos an frühere Erfolge anknüpfen konnte. Ex-Weltmeister Adries jüngster Sohn entschied den Gesamtweltcup und den Superprestige für sich und erzielte zehn Saisonsiege. Nur in den letzten Wochen zeigte sich, dass die Akkus des gerade 19 Jahre alt gewordenen Niederländers leerer und leerer wurden. Zu unser aller Freude entwickelte sich in Wout van Aert ein würdiger Konkurrent, der sich mit dem neun Monate Jüngeren so manchen Schlagabtausch lieferte. Bei der WM hatte der Belgier klar die Nase vorn, außerdem holte er die bpost bank Trofee und sammelte einen Sieg mehr auf sein Konto. Den Belgiern muss also trotz Van der Haar und Van der Poel um ihre Zukunft nicht bang sein, zumal sie mit Michael Vanthourenhout (Sunweb-Napoleon Games) auch noch den aktuellen Europameister stellen. Am 1. März wechselte Van Aert von Telenet-Fidea zu Vastgoedservice-Golden Palace, sein niederländischer Kontrahent wird bei BCKP-Powerplus zum Profi aufgebaut werden.
Unter den Junioren sticht ganz klar der 17-jährige Yannick Peeters heraus. Auch wenn der Sohn von Omega Pharma-Teamleiter Wilfried sich ausgerechnet bei der belgischen Meisterschaft und der WM Auszeiten leistete und auch im Gesamtweltcup „nur“ Zweiter wurde, so fuhr er doch dreimal mehr Siege ein als der nächstbeste Fahrer, nämlich 12 an der Zahl. Hinzu kommen Gold bei der EM, der Superprestige und Platz eins in der Weltrangliste. Der Weltcup und vier Saisonsiege gingen an Adam Toupalik, in dem sich die Tschechen einen Nachfolger von Zdenek Stybar erhoffen dürfen. Der Belgier Thjis Aerts wurde überraschend U19-Weltmeister.

Das Jahr, in dem BR-R785 den Weltcup gewann
Ansonsten wird 2013/14 vielleicht als die Saison in Erinnerung bleiben, in der die Scheibenbremse im Profi-Bereich endlich ihren Durchbruch feierte. Und dass obwohl der US-Konzern SRAM sich mit dem Rückruf aller hydraulischen und mechanischen Road Disc Brakes und einer hastigen Austauschaktion bis auf die Knochen blamierte. In Europa, wo die meisten auf Shimano setzen, hatte man derlei Sorgen nicht, ganz im Gegenteil. Lars van der Haar bediente sich als erster Top-Fahrer ausschließlich der Scheibenbremse, die schon vor Jahren von der UCI in Cyclocross-Rennen erlaubt wurde. Bekanntlich holte er den Gesamtweltcup – ob das an seiner Bremskraft lag, lassen wir mal dahingestellt. Auch andere Fahrer und Fahrerinnen wurde mit Discs gesichtet. Welches Interesse auf dem Material im so defektanfälligen Querfeldeinradsport ruht, merkte man übrigens an den Wellen, die Nys‘ Wechsel von Colnago zu Trek Anfang des Jahres in Belgien schlug. Bislang leistet das neue Gefährt seinem Meister gute Dienste – auf diese Weise fahren die Amerikaner im europäischen Zirkus doch irgendwie an der Spitze mit...

Die neue Radcross-Saison beginnt am 06.09.2014 mit dem Nittany Lion Cross wie stets in den USA (erstes europäisches Rennen: EKZ CrossTour Baden, 14.09.) und endet am 22.02.2015 mit dem Sluitingsprijs Oostmalle. Highlights, von denen wir jetzt schon wissen, sind sicherlich die Weltcup-Premiere im Vereinten Königreich und die bpost bank Trofee auf dem Spa Francorchamps Motorcircuit. Wir dürfen uns auch auf Klassiker wie Koppenbergcross, Koksijde, Zonhoven oder Zolder freuen. Die Weltmeisterschaft in Tabor ist etwas schlecht zu erreichen, aber vielleicht lockt die EM im saarländischen St. Wendel ja zu einem Besuch?





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