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Nationalfeiertags-Etappe am Ventoux endet in riesigem Chaos – zumindest De Gendt kann jubeln
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14.07.2016

Nationalfeiertags-Etappe am Ventoux endet in riesigem Chaos – zumindest De Gendt kann jubeln

Info: TOUR DE FRANCE 2016
LiVE-Ticker zum Nachlesen: Flash | Text
Autor: Felix Griep (Werfel)



Chalet Reynard, 14.07.2016 – Ein Bild, das in die Geschichte der Tour de France eingehen wird: Chris Froome joggt im Gelben Trikot den Mont Ventoux hinauf. Zuvor hatte er sich, noch auf zwei Rädern, gemeinsam mit Richie Porte und Bauke Mollema von den restlichen Favoriten abgesetzt, bevor das Trio in ein Motorrad stürzte, das urplötzlich vor ihnen zum Stillstand kam, weil ihm Zuschauer den Weg versperrten. So setzte Froome das Rennen erst einmal zu Fuß fort, bis er ein Ersatzrad erhielt. Eine kuriose Szene, die stellvertretend für das Chaos steht, welches anschließend auch den Veranstalter vor ein Problem stellte, wie er die Etappe werten sollte. Keine Zweifel gab es glücklicherweise wenigstens am Etappensieg des Belgiers Thomas De Gendt, der mit einem starken Endspurt seine Mitausreißer Serge Pauwels und Daniel Navarro schlug und sich überdies auch noch das Bergtrikot zurückholte.


Das Profil der 12. Tour-Etappe

Feld scheut den Wind und lässt Ausreißer weit weg
Am Tag vor der 12. Etappe war noch der Wind der große Aufreger, der das Nationalfeiertags-Spektakel auf dem Mont Ventoux gefährdete. Windgeschwindigkeiten von mehr als 100 Stundenkilometern auf dem 1912 Meter hohen kahlen Riesen der Provence machten ein Radrennen bis hin zum Gipfel viel zu gefährlich. So fuhr man also nur bis zum Chalet Reynard, womit der Schlussanstieg zwar um rund sechs Kilometer gekürzt wurde, aber mit 9,6 Kilometern, die eine mittlere Steigung von 9,3% aufwiesen, noch genug davon übrigblieb, um einer der schwersten der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt zu sein. Der Großteil der in Montpellier gestarteten noch 178 Kilometer verliefen flach und waren ebenfalls sehr windanfällig und bargen somit Gefahren, denen das Feld lange mit einer sehr zurückhaltenden Fahrweise aus dem Weg ging, was zu einem maximalen Vorsprung einer 13-köpfigen Ausreißergruppe von 18:45(!) Minuten führte. Auch wenn zur Etappenmitte eine Windkante das Peloton teilte und einige Top20-Fahrer – namentlich Louis Meintjes (Lampre-Merida), Warren Barguil (Giant-Alpecin) und Wilco Kelderman (LottoNL-Jumbo) für längere Zeit zurückgefallen waren – betrug der Vorsprung der Ausreißer zu Beginn des Finalberges noch rund sieben Minuten, was neun von ihnen genügte, um das Ziel vor den Favoriten zu erreichen.

Gleich fünf Teams mit zwei Fahrern in der Spitzengruppe
Die Besetzung der Spitzengruppe wies eine interessante Besonderheit auf: Gleich fünf Mannschaften hatten neben dem Mann, der für sie den Etappensieg holen sollte, noch einen zweiten Fahrer als Helfer mit nach vorne geschickt. Bert-Jan Lindeman für Sep Vanmarcke (LottoNL-Jumbo), Daniel Teklehaimanot für Serge Pauwels (Dimension Data), André Greipel für Thomas De Gendt (Lotto Soudal), Bryan Coquard für Sylvain Chavanel (Direct Energie) und Cyril Lemoine für Daniel Navarro (Cofidis) hatten also alle nur die Aufgabe, der Gruppe einen möglichst großen Vorsprung zu verschaffen, damit ihre bergfesteren Teamkollegen am Ventoux den Sieg unter sich ausmachen könnten. Neben diesen Pärchen waren noch Stef Clement (IAM Cycling), Iljo Keisse (Etixx-Quick Step) und Chris Anker Sørensen (Fortuneo- Vital Concept) ausgerissen – und Paul Voß (Bora-Argon 18), der jedoch früh durch einen Defekt in eine Verfolgergruppe zu Diego Rosa (Astana), Alexis Gougeard (AG2R La Mondiale), Tom-Jelte Slagter (Cannondale-Drapac) und Georg Preidler (Gaint-Alpecin) zurückfiel, die aber nie an die Führenden herankam und so keine Rolle für den Ausgang der Etappe spielte. Sie wurde eingeholt, als gut 40 Kilometer vor dem Ziel zwei kleinere Bergwertungen der 4. und 3. Kategorie überquert wurden.


Tines Tour Talk zur 12. Etappe: Mont Ventoux

De Gendt vier Jahre nach seinem Giro-Coup wieder siegreich
Die Fluchthelfer fielen Zu Beginn des Schlussanstiegs natürlich schnell zurück; nach kurzer Zeit waren mit Lindeman, Pauwels, DeGendt und Navarro nur noch vier „Fluchtkapitäne“ übrig. Der fünfte, Chavanel fand nach einer Weile fast wieder Anschluss, doch der Traum vom ersten französischen Tour-Etappensieg am Nationalfeiertag seit David Moncoutié 2005 wurde keine Realität. Zwischenzeitlich waren dann nur noch Pauwels und Navarro an der Spitze, doch De Gendt kam noch einmal an sie heran, attackierte wenig später, drei Kilometer vor dem Ende, woraufhin er sich vorübergehend alleine absetzte. Pauwels holte seinen belgischen Landsmann wieder ein und griff sogleich selbst an, aber letztlich blieben nicht nur diese beiden zusammen, auch Navarro stieß wieder dazu. Dieser Dreikampf gipfelte in einem langen Sprint auf den letzten paar hundert Metern, auf denen De Gendt der Stärkste war, Pauwels um zwei und Navarro gar noch um 14 Sekunden distanzierte. Der zweite große Triumph des 29-Jährigen bei einer Grand Tour nach dem Sieg auf dem Stelvio beim Giro 2012 wurde durch das Gepunktete Trikot garniert, weil er mit nun neun Punkten Vorsprung die Führung in der Bergwertung von Thibaut Pinot (FDJ) übernahm.

Movistar-Angriffe verpuffen gegen die Übermacht des Sky-Teams
Als das Hauptfeld der Favoriten zum Schlussanstieg kam, spannten sich Chris Froomes Teamkollegen vor den Träger des Gelben Trikots, so wie man es seit Jahren gewohnt ist. Löblich, dass Movistar schon zu Beginn des Berges versuchte, die Sky-Phalanx zu durchbrechen. Doch sowohl der Vorstoß von Alejandro Valverde, der einen Angriff von Jarlinson Pantano (IAM Cycling) konterte, als auch zwei kurz darauf folgende Antritte von Nairo Quintana zeigten so gut wie keine Wirkung. Selbst nach diesen Scharmützeln waren mit Wout Poels und Sergio Henao noch zwei Sky-Helfer da, die alles unter Kontrolle hielten. Die erste verheerende Attacke konnte daher nur von Froome selbst kommen. Seine Gegner hatten keine Teamkollegen, die ihnen helfen konnten und so blieb einzig Richie Porte (BMC Racing) beim Tour-Leader. Etwas später attackierte Bauke Mollema (Trek-Segafredo) aus der Gruppe der scheinbar schon hoffnungslos Geschlagenen und schaffte es zu den beiden hin. Das Trio der drei eindeutig stärksten Kletterer des Tages schien nicht mehr aufzuhalten – bis das völlig Unerwartete geschah. In dem unheimlich engen Spalier der Zuschauer kam das Kameramotorrad direkt vor der Gruppe des Gelben Trikots abrupt zum Stillstand und alle drei Fahrer rasten ungebremst hinein.


Unsere Etappen-Vorschau zum Nachlesen:
Ankunft am Ventoux trotz Kürzung immer noch ein Highlight


Yates nach purem Chaos bis zu einem Jury-Entscheid in Gelb
Porte schlug mit seinem Gesicht voll auf dem Equipment auf, mit dem das Motorrad beladen war, Mollema und Froome konnten ebenfalls nicht mehr ausweichen. Die Räder von Porte und Froome waren nach diesem Vorfall nicht mehr fahrtauglich und weil in diesem Moment kein Begleitfahrzeug mit Ersatz in der Nähe war, rannte Froome einfach zu Fuß los, bis er ein Rad vom neutralen Materialwagen erhielt, mit dem er aber offensichtlich nicht zurechtkam. Dann kam zwar der Sky-Wagen mit einer auf den Briten abgestimmten Rennmaschine, aber der zeitliche Schaden war enorm. Mollema hatte das Glück, dass sein Rennrad trotz des Unfalls noch brauchbar war, er finishte 5:05 Minuten nach Sieger De Gendt als Erster der Favoriten und 19 Sekunden vor einer größeren Gruppe um Quintana, Valverde und einige andere. Porte kam 56 Sekunden, Froome erst 1:40 Minute nach Mollema an. In der Gesamtwertung hätte damit Adam Yates (Orica-BikeExchange) neun Sekunden vor Mollema geführt, Froome wäre mit 53 Sekunden Rückstand nur Sechster gewesen. Doch die Jury entschied schlussendlich, Porte und Froome mit derselben Zeit zu werten wie Mollema, was den Verlust durch diesen fremdverschduldeten Sturz nicht gänzlich aufwog, aber zumindest in Grenzen hielt.

Froome bleibt Leader mit jetzt 47 Sekunden Vorsprung
Wäre das Trio aus Froome, Porte und Mollema ohne Zwischenfälle bis ins Ziel gekommen, hätten sie wohl mehr auf die nächsten Konkurrenten gutgemacht als die 19 Sekunden, die ihnen schlussendlich als Vorsprung gewertet wurden. Davon abgesehen hat Froome seinen Gegnern aber eindrucksvoll gezeigt, dass er absolut in der Form ist, seinen dritten Tour-Gesamtsieg einzufahren. Nun führt er 47 Sekunden vor Yates, dem besten Nachwuchsfahrer, 54 vor Quintana und 56 vor Mollema, die als einzige weniger als eine Minute Rückstand aufweisen. Es folgen Romain Bardet (AG2R La Mondiale) mit 1:15 Minute sowie Valverde und Tejay Van Garderen (BMC Racing) mit jeweils 1:32 Minute. Porte behält einen Rückstand von 2:22 Minuten auf Froome und ist nun Elfter, bestätigte aber den Eindruck von der
Bergankunft in Andorra, wo er Van Garderen ebenfalls in den Schatten stellte, dass er mittlerweile der Stärkere der beiden BMC-Kapitäne ist. Größter Verlierer unter den besten Klassementsfahrern war allerdings nicht Van Garderen, sondern Daniel Martin (Etixx-Quick Step), der fast eineinhalb Minuten kassierte und von Rang drei auf neun abrutschte. In der Mannschaftswertung bleibt BMC obenauf, wenn auch Movistar den Abstand auf 3:50 Minuten verkürzte.

-> Zum Resultat

Auf der morgigen 13. Etappe findet das erste Einzelzeitfahren dieser Tour statt, das längere, aber vom Profil her etwas einfachere, wenn auch nicht ganz flache: die ersten 7,5 und die letzten 3,3 Kilometer der Strecke sind ansteigend. Zudem könnten starke Winde erneut eine gewichtige Rolle spielen.





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