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Adventskalender am 9. Dezember: Interview mit Fabian Lienhard – Die lange, mühsame Suche nach einem neuen Team
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09.12.2017

Adventskalender am 9. Dezember: Interview mit Fabian Lienhard – Die lange, mühsame Suche nach einem neuen Team

Autor: Christine Kroth (Cofitine)



  09.12.  
Vor drei Wochen, an einem ziemlich grauen und kalten Samstag im November, traf ich mich mit dem jungen Schweizer Radprofi Fabian Lienhard in einem Café in Klingnau, unweit der deutschen Grenze, zum Interview. Er ist hier in der Gegend zu Hause und hatte zu dieser Zeit Urlaub. Trotzdem hat er sich an diesem frühen Samstagnachmittag Zeit für uns genommen.
Wir sprachen über seinen Werdegang, der Situation im Radsport im Allgemeinen und im Speziellen über die Situation in der Schweiz, und auch über persönliches.
Mit diesem Interview möchten wir den 24jährigen Allrounder auch etwas näher vorstellen.



Der LiVE-Radsport.com Adventskalender 2017
Bis Weihnachten präsentieren wir euch täglich einen besonderen Beitrag, um in der an Radrennen ärmeren Adventszeit keine Langeweile aufkommen zu lassen.


Interview mit Fabian Lienhard:
Teil 1Teil 2Teil 3



Die schwierige Suche nach einem neuen Team

Natürlich wagen wir auch einen Ausblick auf die kommende Saison. Bereits im Sommer hatte Fabian mir gegenüber angekündigt, dass ein Teamwechsel anstehe. Jetzt bin ich natürlich neugierig und möchte wissen wohin es in 2018 verschlägt.
Er wäre gerne für das Schweizer WorldTour-Team Katusha, ein französisches oder belgisches Pro-Continental-Team gefahren. Doch die Suche in diese Richtung hatte sich schwierig gestaltet, obwohl er 2017 sein bestes Jahr hatte. Er habe selbst wenig Kontakt mit potentiellen neuen Teams gehabt obwohl er selbst den persönlichen Kontakt sehr schätzt. Doch sein Berater Andreas Klöden hat Gespräche mit vielen Teams geführt, doch bei keinem sei er unter Vertrag genommen worden. Französische Teams nehmen eher einheimische Fahrer unter Vertrag, Fahrer aus anderen Ländern haben dort eher geringere Chancen. Belgische Teams hingegen, erzählt Fabian mir, nehmen, wenn sie die Wahl haben zwischen zwei Fahrern mit ähnlichem Potential auch eher einheimische, also belgische Fahrer. Problematisch sei für ihn als Schweizer auch, dass er halt eine weite Anreise zu den belgischen Rennen habe. Er berichtet mir, dass die Flugverbindung Zürich-Brüssel die teuerste in Europa sei. Ein Fakt, der viele Teams abschrecke, auch wenn dies nur einer von viel Gründen sei. Aber Fahrer aus den Ländern, in denen die Teams beheimatet sind, können einfacher und schneller und somit auch billiger an Ort und Stelle sein.


Tour du Doubs 2017
Schwierig war die Teamsuche für ihn auch deshalb weil er selbst auf die Teams habe zugehen müssen.
Letztlich hat er aber doch ein Team für die kommende Saison gefunden. In den nächsten beiden Jahren wird Fabian Lienhard für die US-amerikanische Mannschaft Holowesko-Citadel p/b Araphaoe Resources an den Start gehen. Teammanager George Hincapie habe er 2015 bei der WM in Richmond bei der After-Race-Party schon mal getroffen.
Letztlich sei es diesmal aber auch Hincapie gewesen, der auf ihn zugekommen ist und angefragt habe. Es war das einzige Team, das bei ihm angefragt hat, und eben nicht umgekehrt. Dies war ein Faktor dafür, dass Fabian sich dafür entschieden hat, bei diesem Team einen Vertrag zu unterschreiben. Dadurch, dass er noch in China Rennen gefahren ist, hat sich die Vertragsunterschrift aber etwas länger hinausgezögert.
Aktuell findet ein erstes Teamtreffen in Greenville / South Carolina statt. Kein Trainingslager, eher ein erstes Kennenlernen. Fabian ist der einzige Schweizer im Team, das mit 16 Fahrern in seine erste Saison als Pro-Continental-Team geht. Mit seinem neuen Teamkollegen Taylor Eisenhart ist er aber schon als Stagiaire bei BMC gefahren und kennt ihn deshalb gut.

Neu für ihn wird sein, dass er nun mehr reisen müsse, da das Team Rennen in Europa und den USA bestreiten werde.
Das Team habe zwar nicht die Tradition wie etwa belgische Teams, doch Fabian sieht darin eine Chance, sich langfristig weiterentwickeln zu können. Er hat einen Zweijahresvertrag unterschrieben, was ihm auch Planungssicherheit gebe.
Es ist ein Team ohne Leader, auch dadurch erhofft er sich Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und hofft auch auf Freiheiten bei Eintagesrennen, wo er einer der Stärksten des Teams ist. Es ist ein Team mit jungen Fahrern, überwiegend Rundfahrer. Seine Rolle im Team sieht Fabian als Helfer für die Rundfahrer aber auch als Anfahrer für die Sprinter.
Das Team hat vor kurzem mit Bobby Julich einen sehr erfahren Sportlichen Leiter verpflichtet. Außerdem plant Teamchef Hincapie längerfristig den Aufstieg in die WorldTour.
Fabian möchte diesen Weg gerne zusammen mit dem Team gehen und freut sich auf diese Aufgabe.

Rückblickend sieht er es sehr positiv, dass es, trotz der schwierigen Suche nach einem Team, nun so gekommen ist und er seine Zukunft als Radprofi weiter planen kann. Er findet, dass das Team zu ihm als Typ und menschlich gut passe. Was er sehr positiv hervorhebt ist, dass dieses Team ihn unbedingt hatte verpflichten wollen.
Hätte es nicht mit einem Vertrag bei einem höherklassigen Team geklappt, wäre er sicher noch ein Jahr auf Continental-Niveau gefahren. Wenn es dann mit dem Sprung in eine höhere Kategorie nicht geklappt hätte, hätte er sich durchaus vorstellen können, in seinen erlernten Beruf zurückzukehren. Oder er hätte ein Trainerlaufbahn eingeschlagen. Zusammen mit seinem Landsmann Kilian Frankiny hat er zuletzt zwei Trainerausbildungen absolviert.

Ein Blick in die nähere Zukunft

Als seine Ziele für die kommende Saison nennt er an erster Stelle, dass er gerne ein UCI-Rennen gewinnen möchte. Aber auch, dass er sich in der kommenden Saison weiter verbessern möchte.
Das Rennprogramm ist ihm bislang noch nicht bekannt, aber er hofft, die Tour of California bestreiten zu können. Außerdem macht er sich Hoffnungen darauf, dass das Team zu Rennen in Belgien eingeladen wird wie z.B. Gent-Wevelgem.
Gerne würde er auch die Tour de Suisse bestreiten, dies hänge aber davon ab, ob bei der Austragung im nächsten Jahr ein Team des Schweizer Nationalkaders an den Start gehen wird.


Schweizer Meisterschaft '16
Die Schweizer Meisterschaften 2018 werden in Schneisingen ausgetragen, nur knapp 10 km von Steinmaur entfernt. Da liegt die Frage nahe, was er sich bei diesem Rennen ausrechnet.
Der Parcours ist noch nicht offiziell bekannt gegeben, aber es wird ein schwerer Kurs werden, zwar nicht zu schwer für ihn, aber doch sehr an der Grenze dazu. Es glaubt, dass es ein spannendes Rennen werden wird, bei dem es keinen klaren Favoriten gibt. Und auch weil es zur Zeit in der Schweiz kein Team gibt, das die Meisterschaften dominieren kann, da das Team BMC sein Development-Team zur Saison 2018 aufgibt.

Die Entwicklung im Radsport, die Starter pro Team zu reduzieren, sieht er kritisch. Kleinere Felder machen Rennen seiner Ansicht nach nicht sicherer. Sie gefährden aber die Existenz vieler Radprofis, gerade solcher, die sich in einer Situation wie er befinden oder befanden. Angst macht ihm, dass sich Teams wie Armée de Terre, das beste Continental-Team der vergangenen Saison, aus dem Radsport zurückziehen.
Allgemein sieht er die Situation im Radsport momentan als schwierig. Um die Existenz der Teams zu sichern, fände er es sinnvoll wenn die Radfirmen noch mehr in die Teams investieren würden.

Ich möchte dann auch noch von ihm wissen wie er es fände, wenn Cross olympische Disziplin werden würde. Für ihn klingt das sehr ungewohnt. Gerade weil er sich sehr für Wintersportdisziplinen interessiere, habe er Zweifel, ob Cross da hineinpassen würde. Für ihn passt das irgendwie nicht so ganz und kommt ihm auch irgendwie komisch vor. Er kann sich nicht vorstellen, dass Cross olympische Disziplin wird. Er fände es cool, wie er sagt, ist sich aber nicht sicher, ob das Sinn machen würde.

Die Probleme des Radsports in der Schweiz

Ein weiteres großes Thema unteres Gesprächs war die Situation des Radsports in Fabians Heimat Schweiz. Er ist sehr heimatverbunden und kann sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Auch wenn im Radsport auf europäischem Niveau bezahlt wird, was es für einen Schweizer nicht immer leicht mache.
Die Situation im Schweizer Radsport habe sich nach dem Aus des Teams IAM im letzten Jahr deutlich verschärft. Zumal sich auch das Team Roth-Akros in den Continental-Bereich zurückgezogen hat. Im nächsten Jahr wird dieses Team nur noch als Nachwuchs-Team aktiv sein. Damit gibt es für Schweizer Profis gar keine Möglichkeit mehr, in der Heimat zu fahren.
Trotz guter Leistungen ist es für Schweizer Radprofis aktuell sehr schwierig, Teams zu finden. Als Beispiel nennt Fabian Colin Stüssi, der in dieser Saison für das Team Roth-Akros eine sehr gute Saison gefahren ist, aber noch immer ohne Vertrag für die kommende Saison da steht. Um so glücklicher ist er, dass er selbst ein Team gefunden hat.
Schweizer Teams, bei denen junge Fahrer die Chance hatten sich zu beweisen, habe es früher schon immer wieder mal gegeben. Fabian nennt neben IAM Teams wie Post Swiss und Phonak, aus denen viele bekannte Schweizer hervorgegangen sind. So ein Team fehlt dem Land aktuell.
Er nennt als Beispiel aus dem Ausland das Team Rompoot, das jedes Jahr Talente aufnimmt, die dann die Chance haben, sich auf internationalem Niveau zu beweisen. Viele von ihnen schaffen den Sprung an die Weltspitze. So etwas sollte seiner Meinung nach Vorbild für den Schweizer Radsport sein.
So aber müssten sich Schweizer Talente im Ausland umsehen.


Tour Alsace 2017
Als das Team IAM vor fünf Jahren gegründet wurde war es für Schweizer Fahrer eine Chance. Fahrer wie Jonathan Fumeaux, Pirmin Lang, Marcel Aregger … hatten so die Chance, international zu fahren. Fast alle von ihnen haben nach dem Rückzug von IAM aber inzwischen auch ihre Karriere beendet, da sie international keinen Vertrag bekommen haben. Der einzige Schweizer aus dieser Generation, die aus dem Team IAM hervorgegangen ist und international Karriere im Radsport machen konnte, ist Sébastien Reichenbach.
Ein Schweizer Team wäre auch wichtig für die Schweizer Rennen wie die Tour de Suisse und die Tour de Romandie. Er hofft, dass bei diesen Rennen in der kommenden Saison ein Schweizer Nationalteam an den Start gehen wird. Dies wäre wichtig für den Schweizer Radsport. Und auch für das Interesse in der Bevölkerung. Schweizer sind sehr nationalstolz, betont er, und Schweizer interessieren sich in erster Linie für die einheimischen Fahrer, weniger für die großen Stars wie etwa Peter Sagan. Ein Fabian Cancellara zog die Massen an, ein Sagan nicht.
Er selbst würde sich über ein Nationalteam bei Tour de Suisse und Tour de Romandie (wie es schon bei Rennen wie dem GP Aargau praktiziert wird – Anmerkung der Autorin) sehr freuen.

Problematisch sieht er, dass es immer weniger Rennen in der Schweiz gibt wo sich junge Fahrer zeigen können.
Die Schweizer haben ein sehr gutes Fundament und waren im Juniorenbereich sehr weit vorne, darauf kann man aufbauen, doch es fehlt das Sprungbrett nach oben.
Positiv sieht er aber, dass neben dem Team Roth IAM nun in Kooperation mit dem Veloclub Martigny ein weiteres Nachwuchsteam aufbaut, in dem Talente heranwachsen können.

Aktuell gibt es ein Loch im Schweizer Radsport. Die „Generation Phonak“, wie Fabian Fahrer wie etwa Martin Elmiger nennt, hören langsam auf, junge Fahrer wie etwa Marc Hirschi oder Patrick Müller sind noch nicht ganz soweit. Sie brauchen seiner Einschätzung nach noch 2-3 Jahre bis sie auf Topniveau fahren können.
Ein Klassementfahrer fehlt der Schweiz wie er findet. Einer, der etwa die Tour de Suisse gewinnen kann. Es gibt gute Allrounder wie Michael Albasini und Stefan Küng. Fahrer, die Etappen gewinnen können. Oder auch Silvan Dillier.
Als einzigen, der bei den Grand Tours und Rennen wie der Tour de Suisse vorne mitmischen kann, sieht er nur Sébastien Reichenbach.

Fragebogen

Zum Schluss hatte ich noch 10 Stichwörter vorbereitet und Fabian gebeten, in wenigen Worten darauf zu antworten:
? WM! super Atmosphäre, tolle Erfahrung (episch)
? Radquer! interessant, fordert alles ab
? Steinmaur! Heimat
? Schweiz! Heimat, teuer
? Kindheitstraum! Radprofi
? Papa / Vater! wichtigste Person
? 2018! neue Erfahrung
? Medien! interessant, man muss skeptisch sein was geschrieben wird
? Team! sehr wichtig, bin Teamplayer, professionell / seriös
? 250 Meter! zu lang (bezog sich auf die 5. Etappe der Tour of Hainan – Anm. d. Autorin)



Gut 2 ½ Stunden hat Fabian Lienhard sich für uns Zeit genommen, uns die Möglichkeit gegeben, ihn als Mensch und Radprofi näher kennenzulernen und uns Einblicke in sein Leben als Radprofi gegeben.

In der kommenden Saison werden wir Fabians Karriere weiter begleiten. Er hat uns auf Anfrage bereits zugesagt, von einigen Rennen via Tagebuch selbst zu berichten.
Wir freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit.

Ich bedanke mich, auch im Namen aller Autoren und User von LiVE-Radsport.ch, bei Fabian Lienhard für das ausführliche Interview und wünsche ihm für seine weitere Karriere im neuen Team viel Erfolg und alles Gute.





Fabian Lienhard beim Interview mit LiVE-Radsport.ch im November 2017
Fabian Lienhard beim Interview mit LiVE-Radsport.ch im November 2017

Fabian Lienhard vorm Start der Tour du Doubs 2017
Fabian Lienhard vorm Start der Tour du Doubs 2017

Fabian Lienhard im Trikot von BMC bei den Schweizer Meisterschaften 2016
Fabian Lienhard im Trikot von BMC bei den Schweizer Meisterschaften 2016

Fabian Lienhard im Schweizer Nationaltrikot bei der Tour Alsace 2017
Fabian Lienhard im Schweizer Nationaltrikot bei der Tour Alsace 2017

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