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Thomas besteht seine Reifeprüfung am härtesten Tag der Tour de France – Quintana siegt am Col du Portet
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25.07.2018

Thomas besteht seine Reifeprüfung am härtesten Tag der Tour de France – Quintana siegt am Col du Portet

Info: TOUR DE FRANCE 2018 (2.UWT)
Autor: Felix Griep (Werfel)



Saint-Lary-Soulan, 25.07.2018 – Es war nicht das ganz große Spektakel, das mancher sich im Vorfeld gewünscht hatte, aber zumindest am Schlussanstieg der 65 Kilometer kurzen 17. Etappe der Tour de France kreuzten die Favoriten die Klingen und sorgten für reichlich Unterhaltung. Nairo Quintana nutzte seine Freiheiten als für das Gelbe Trikot nicht unmittelbar gefährlicher Fahrer und feierte auf dem Col du Portet seinen zweiten Etappensieg nach Annecy-Semnoz vor fünf Jahren. Die wichtigste Erkenntnis, die diese Etappe mit sich brachte, war aber die Entscheidung der Kapitänsrolle innerhalb des Teams Sky, denn während Geraint Thomas die Führung souverän verteidigte, schwächelte Chris Froome auf den letzten Kilometern und verlor Gesamtrang zwei an Tom Dumoulin.


Das Profil der 17. Etappe der Tour de France


Unaufgeregter Start der Favoriten
Das Aufregendste an der „Königsetappe“ der 105. Tour de France waren letztlich vielleicht die Träumereien vor ihrem Beginn. Die ungewöhnliche Kürze von 65 Kilometern, die enorme Schwierigkeit mit gut 3000 Höhenmetern an drei langen Anstiegen der beiden höchsten Kategorien und das ungewohnte Startprozedere regten die Fantasie vieler Radsportfans und -experten an und ließen auf einen Kampf der Favoriten vom ersten Meter an hoffen. Doch in den Sitzungen vor Rennbeginn hatte offenbar kein Teamleiter seinen Fahrern „Harakiri“ als Parole mit auf den Weg gegeben. Der „gestaffelte Start“ als Ersatz für die sonst gewohnte neutralisierte Phase, bei dem die Besten der Gesamtwertung zuvorderst standen und sich der Rest dahinter aufreihte, war letztlich nur für Showzwecke dienlich – nach dem Startschuss organisierten sich die Teams erst einmal, die Kapitäne warteten in aller Ruhe auf ihre Domestiken. Nur einige Ausreißwillige sprinteten sofort in den nach nur 100 Metern beginnenden ersten Anstieg hinein, wo sich somit ein ziemlich gewöhnliches Rennen entwickelte.


Etappenvorschau zum Nachlesen:
Der wohl wichtigste Tag der Rundfahrt


Keine Bergetappe ohne Punkte für Alaphilippe
Tanel Kangert (Astana), der am Ende der Etappe als kämpferischster Fahrer ausgezeichnet wurde, fuhr praktisch die komplette Montée de Peyragudes (14,9 km à 6,7%) als Führender hinauf, anfangs noch eine Weile gemeinsam mit Nicolas Edet (Cofidis), im zweiten Teil des Anstiegs dann aber alleine. Hinter dem Esten hatten sich circa zwanzig Fahrer in einer Verfolgergruppe zusammengefunden, die in Richtung Bergwertung aber langsam wieder zerfiel. Stichwort Bergwertung: Julian Alaphilippe (Quick-Step Floors) gönnte sich nach seinem Sieg auf der ersten Pyrenäen-Etappe keinen „Ruhetag“, sondern war schon wieder auf der Jagd nach weiteren Punkten. Gemeinsam mit Kristijan Durasek (UAE Emirates) und Jesús Herrada (Cofidis) erreichte er die 1. Kategorie in Peyragudes nur 15 Sekunden nach Kangert. Nochmals rund eine Minute dahinter folgte eine Gruppe um die beiden Movistar-Fahrer Alejandro Valverde und Marc Soler, die an der Bergwertung sechs Fahrer umfasste, im Laufe der Abfahrt aber wieder auf die doppelte Größe anschwoll. Bergab schlossen Alaphilippe und Durasek zu Kangert auf, während Herrada in die Verfolgergruppe zurückfiel. Der Rückstand des noch sehr großen Hauptfeldes hatte sich ab der Bergspitze bei rund dreieinhalb Minuten stabilisiert.

Bardets Team bemüht sich – mehr aber auch nicht
Die nächste Bergwertung der 1. Kategorie wartete 28 Kilometer vor dem Ziel auf die Fahrer. Im Anstieg zum Col de Val Louron-Azet (7,4 km à 8,3%) wagte sich mit AG2R La Mondiale erstmals ein Team aus der Deckung und erhöhte im Peloton massiv das Tempo. Nachdem die erste große Selektion erfolgt war, wurden noch 24 Fahrer gezählt – darunter 6(!) vom Team Sky, das sich von den Bemühungen der Franzosen unbeeindruckt zeigte. Pierre Latour sorgte danach noch länger für das Tempo, sein Kapitän Romain Bardet fuhr an zweiter Position, doch mehr Schaden konnten sie nicht anrichten. Latour fiel dann sogar zurück und sah so erschöpft aus, dass man fürchten musste, er hätte sein Weißes Trikot aufs Spiel gesetzt. Doch das konnte der 24-Jährige verhindern, beendete die Etappe letztlich als 23. rund vier Minuten vor seinem Hauptrivalen Guillaume Martin (Wanty-Groupe Gobert). Den Sieg an der zweiten Bergwertung schnappte sich Alaphilippe vor seinen Begleitern Kangert und Durasek, eine halbe Minute später folgte Valverde mit Rafal Majka (Bora-Hansgrohe), Daniel Martinez (Education First-Drapac), Omar Fraile (Astana) und Franco Pellizotti (Bahrain Merida). Soler hatte sich ins verkleinerte Hauptfeld zurückfallen lassen, wo er nach Latours Zurückfallen die letzten circa zwei Kilometer die Führungsarbeit übernahm.


Das Profil des Schlussanstiegs

Martin und Quintana attackieren als erste Favoriten
Die große Action hatten sich die Topfahrer für den letzten der drei Berge aufgehoben, den HC-Anstieg zum Col du Portet (16,0 km à 8,7%), wo auf 2215 Metern über dem Meer der höchste Punkt dieser Frankreich-Rundfahrt erreicht wurde. Kangert und Alaphilippe, der allerdings sofort durchgereicht wurde, starteten 1:15 Minute vor der Verfolgergruppe, zu der Durasek zurückgefallen war, und 2:35 Minuten vor den Favoriten in den Schlussanstieg. Als das Hauptfeld die ersten steilen Rampen durchfuhr, gab es praktisch sofort eine Attacke von Daniel Martin (UAE Emirates) und einen Gegengriff von Nairo Quintana (Movistar). Die Konkurrenten ließen den Iren und den Kolumbianer gewähren, denn diese stellten als Zehnter und Achter der Gesamtwertung mit Rückständen von 6:54 respektive 4:23 Minuten keine unmittelbare Gefahr zumindest für die Podiumsplätze dar. Quintana zog zügig an Martin vorbei – aber eingeholt wurden beide von niemandem mehr! Quintana schloss nach kurzer Zeit zur Gruppe um Valverde auf und profitierte daraufhin für einige Zeit von der Unterstützung seines Teamkollegen. 7,5 Kilometer vor dem Ziel wurde Quintana dann schließlich Führender der Etappe, als er den wacker kämpfenden Kangert überholte. Einen Kilometer später wurde er dann auch Majka los, der sich bis dahin noch an seinem Hinterrad festgebissen hatte.

Sky zahlenmäßig wieder eine absolute Übermacht
Auch noch relativ früh im Schlussanstieg hatte Primoz Roglic (LottoNL-Jumbo) eine Attacke gewagt, bei welcher ihm Chris Froome (Sky) gefolgt war, doch als Vierter und Zweiter der Gesamtwertung bekamen sie nicht dieselben Freiheiten wie Quintana und Martin. Bardet, Tom Dumoulin (Sunweb), Mikel Landa (Movistar) und Steven Kruijswijk (LottoNL-Jumbo) schlossen bald wieder zu ihnen auf – und natürlich auch Geraint Thomas (Sky) im Gelben Trikot, und mit Egan Bernal und Wout Poels überdies zwei Helfer des Mannes in Gelb. Diese Konstellation erwies sich als recht stabil und blieb bis etwa sechs Kilometer vor dem Ziel bestehen, wo Quintana 30 Sekunden vor Martin und etwas mehr als eine Minute vor der neunköpfigen Gruppe mit den insgesamt vier Sky-Fahrern lag. Kurz darauf war Bardet der erste Favorit, der in eine Krise geriet und den Anschluss verlor, während sich die LottoNL-Jumbo-Fahrer auf Attacken vorbereiteten. Zuerst probierte es Kruijswijk, der zwar mit Poels einen Sky-Mann eliminierte, aber von Bernal unter Kontrolle gehalten wurde. Als wenig später Roglic attackierte, hatte der kurzzeitig nur noch Thomas bei sich, während sich die anderen erst mühsam wieder herankämpfen konnten, was aber letztlich allen außer den bereits vorher abgehängten Bardet und Poels gelang.


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Leader Thomas finisht 48 Sekunden vor Froome
Der folgenreichste Angriff kam genau an der Zwei-Kilometer-Marke von Dumoulin, der zwar Thomas sowie Roglic und Kruijswijk nicht loswurde, aber Froome und Landa, die schon bei Roglics vorheriger Attacke am schwächsten gewirkt hatten, den Rest gab. Auch Bernal, der auf die beiden wartete, konnte sie nicht wieder heranfahren. Ein weiterer Angriff von Roglic kurz vor der Flamme Rouge brachte Thomas überhaupt nicht und Dumoulin nur für einen kleinen Moment in Schwierigkeiten, wurde aber seinem eigenen Teamkollegen Kruijswik zum Verhängnis. Der Blick richtete sich dann zur Ziellinie, die Quintana nach 2:21:27 Stunden Fahrzeit (Schnitt: 27,6 km/h) als strahlender Sieger erreichte – 28 Sekunden vor Martin und 47 vor Thomas, der den Sprint um die letzte Zeitgutschrift gewann und Roglic und Dumoulin dabei sogar nochmals um fünf Sekunden distanzierte. Kruijswijk folgte 1:05 Minute und das Trio mit Bernal, Froome und Landa 1:35 Minute nach dem Sieger. Ilnur Zakarin (Katusha-Alpecin) komplettierte die Top10 des Tages, gefolgt von den einstigen Ausreißern Majka und Valverde sowie Bardet, der die Etappe als 13. mit 2:35 Minuten Rückstand beendete. Das Zeitlimit von gut 35 Minuten (25% der Siegerzeit) wurde übrigens selbst von den letzten Ankommenden noch um einige Minuten unterboten.

Entscheidungen in Berg- und Mannschaftswertung
In der Gesamtwertung kam es durch diese Ergebnisse zu erwartungsgemäß vielen Verschiebungen. Doch an Platz eins war nicht zu rütteln: Geraint Thomas meisterte diese Etappe, die als seine Reifeprüfung für den Tour-Sieg angesehen wurde, mit Bravour. 1:59 Minute liegt er vor Dumoulin, der den jetzt 2:31 Minuten zurückliegenden Froome von Rang zwei verdrängt hat. Roglic (+2:47) ist weiterhin Vierter, hat sich dem untersten Podiumsplatz aber von 48 auf 16 Sekunden angenähert. Etappensieger Quintana (+3:30) verbesserte sich von Platz acht auf fünf, während Bardet (+5:13) genau umgekehrt von fünf auf acht zurückgefallen ist. Überdies verdrängte Kruijswijk (+4:19) Landa (+4:34) von Position sechs und Daniel Martin (+6:33) übernahm den neunten Platz von Jakob Fuglsang (Astana/+9:31). Die drei besten Nachwuchsfahrer – Latour (+16:03), Guillaume Martin (+22:30) und Bernal (+24:34) – sind jetzt 14., 15. und 16. In der Mannschaftswertung konnte Movistar nicht nur die Führung zurückerobern, sondern Bahrain Merida auch um mehr als 24 Minuten enteilen. Die Bergwertung ist rechnerisch noch nicht ganz, aber praktisch eigentlich schon entschieden, denn Alaphilippe vergrößerte seinen Vorsprung auf 67 Punkte. Paris muss er aber natürlich ebenso erreichen wie Peter Sagan (Bora-Hansgrohe), der mit seinem Grünen Trikot in der Abfahrt vom Col de Val Louron-Azet stürzte, und sich am Abend noch genaueren Untersuchungen unterziehen muss.

-> Zum Resultat

Vor der letzten Pyrenäen-Etappe dieser Tour gibt es auf der 18. Etappe eine kurze Erholungspause von den Bergen. In Pau könnte es zu einem Massensprint kommen, sofern die Teams der verbliebenen Sprinter die Ausreißer unter Kontrolle halten können.

Video der Zielankunft






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