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Taktische Nadelstiche und ein Sieger der Sieger in Bremen – Interview mit Erik Weispfennig
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12.01.2019

Taktische Nadelstiche und ein Sieger der Sieger in Bremen – Interview mit Erik Weispfennig

Info: Sixdays: Sixdays Bremen 2019
Autor: Thorsten Schmidt (www.sixdaysinfo.de)



Nach dem furiosen Auftakt am Eröffnungsabend verliefen die Wettbewerbe am zweiten Abend der Bremer Sixdays weitaus weniger spektakulär, aber nicht ohne spannende Finessen. Es wurden viele taktische Nadelstiche gesetzt. Psychospielchen waren angesagt. Durch den Gewinn einer Bonusrunde führen Iljo Keisse und Jasper de Buyst die Gesamtwertung an. Mit einer Runde Rückstand folgt ein Quartett dichtauf. Stroetinga/De Pauw und Consonni/Marguet stehen kurz vor dem Gewinn einer Bonusrunde und dürften am Samstag bereits beim Kindernachmittag zu den führenden Belgiern aufschließen.
Bei den Sprintern ließen sich Robert Förstemann und Maximilian Levy heute nicht vom Youngster Elias Edbauer überraschen. Förstemann stellte einen neuen Bahnrekord beim Rundenzeitfahren auf und übernahm dadurch die Führung in der Gesamtwertung.
Das Highlight des Abends war allerdings das Rennen der Sieger. Sechs ehemalige Sieger der Bremer Sixdays fuhren 55 Runden hinter dem Derny. Für das Publikum eine Riesengaudi und am Ende siegte mit Leif Lampater ein ehemaliger Publikumsliebling.



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Der Abend begann mit einer Mannschaftsausscheidung. Wie schon am Vorabend spannten sich Iljo Keisse und Jasper de Buyst vor das Peleton. Sie schafften es beide bis ins Finale und fuhren mit Handshake ins Ziel. Mit diesen 20 Punkten bauten sie ihren Vorsprung als punktbeste Mannschaft aus und ihr taktisches Ziel war offensichtlich: Sie gingen in jedem Wettbewerb auf die Punkte und hatten die Bonusrunde im Visier.

Mit der großen Jagd über 45 Minuten ging es weiter und diese Jagd wurde deutlich verhaltener gefahren als am Vorabend. Vielleicht lag es daran, dass auch die Spitzenteams nicht jeden Abend Vollgas auf die Tube drücken können. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die gestern Abgehängten erkannten, dass man nicht abgehängt werden kann, wenn man im Feld vorne fährt und selbst das Tempo bestimmt. Jedenfalls beteiligten sich alle Teams an den Attacken, so dass nach 45 Minuten 38 Rundengewinne gezählt wurden.

Keisse/de Buyst und Reinhardt/Hester machen den Gesamtsieg unter sich aus...

Wirklich? Den Eindruck könnte man bekommen, wenn man diese vier Fahrer beobachtet. Keinen Moment lassen sie sich aus den Augen und reagieren sofort auf die Aktionen der Konkurrenten. Bezeichnende Szene nach der Hälfte dieser Jagd: Keisse startete eine Attacke und hatte rasch eine halbe Runde Vorsprung. Hester sprintete hinterher und fuhr das Loch zu. Als beide Teams wieder zusammen waren, nahmen sie erstmal die Beine hoch. Vor Enttäuschung? Vor Erschöpfung? Oder um sich zu besinnen, dass auch noch andere Teams mitfahren. Wenn zwei sich streiten, dann freuen sich ja vielleicht die Dritten?
Erste Anwärter auf einen „lachenden Dritten“ waren in dieser Jagd Achim Burkart und Andreas Graf. Sie zeigten sich sehr präsent und suchten immer wieder ihr Heil in der Flucht. Zweimal schafften sie es durch mutige Vorstöße, als einziges Team in der Nullrunde das Klassement anzuführen. Aber sie konnten die Konter der Konkurrenten nicht verhindern. Und so lachten am Ende Wim Stroetinga und Moreno de Pauw. Erst 7 Runden vor Schluss waren sie in die Nullrunde gefahren. Nach einem fulminanten Spurt fuhr Wim Stroetinga als erster über die Ziellinie.

Leif Lampater als Sieger der Sieger

Bereits beim 50jährigen Jubiläum der Bremer Sixdays hatte ein Rennen der ehemaligen Sieger beim Publikum für mächtig Stimmung gesorgt. Damals gewann – wer sonst? – Danny Clark. Er hatte als einziger der alten Haudegen für dieses Rennen trainiert...
Bei den 55.Bremer Sixdays wurden 55 Runden hinter dem Derny gefahren. Am Start waren diesmal als Sieger von früher: Marco Villa (1996), Carsten Wolf (1997), Jimmy Madsen (1998), Leif Lampater (2009 und 2014), Alex Rasmussen (2015) und Marcel Kalz (2015 und 2017). Eine leichte Sache für die Jüngeren? Keineswegs. In der ersten Rennhälfte bestimmte Carsten Wolf das Tempo, dann pirschte sich Jimmy Madsen an die Spitze. Der 50jährige sorgte immer wieder für Stimmung in der Halle, indem er seinen Schrittmacher gestenreich aufforderte, schneller zu fahren. Dennoch wurde Madsen auf der Zielgeraden von Leif Lampater noch abgefangen und gratulierte etwas missmutig: Ich war der Schnellste, aber mein Schrittmacher war zu langsam...

Bahnrekord für Robert Förstemann

Nach diesem Spaßrennen sorgten die Sprinter für den nächsten Höhepunkt. Robert Förstemann und Maximilian Levy wollten sich nicht noch einmal vom Youngster Elias Edbauer in den Schatten stellen lassen. Aber um das Rundenzeitfahren zu gewinnen, musste Förstemann den Bahnrekord von Jeffrey Hoogland aus dem Jahr 2014 unterbieten. Auf 8,695 steht jetzt die neue Marke.
Im Finale wählte diesmal Maximilian Levy die Taktik des langen Sprints. Doch er wurde dafür nicht belohnt. Robert Förstemann saugte sich heran und sauste auf der Zielgeraden an ihm vorbei. Förstemann übernahm damit auch die Führung in der Gesamtwertung vor Levy und Edbauer.

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Die kleine Jagd ging an Grasmann und Mørkøv

Es war schon weit nach Mitternacht, als eine kleine Jagd über 30 Minuten den zweiten Wettkampfabend beendete. Auch bei dieser Jagd waren wieder einige taktische Finessen zu beobachten. Wie schon bei den Jagden zuvor zeigten sich Theo Reinhardt und Marc Hester sehr souverän im Renngeschehen. Sie kontrollierten das Rennen, konnten aber ihre Souveränität nicht zu ihrem Vorteil nutzen. Bezeichnend eine Szene sechs Minuten vor Schluss: Kurz nachdem Reinhardt und Hester in die Nullrunde gefahren waren, fanden sie den richtigen Moment für eine erneute Attacke, als ihre belgischen Konkurrenten nach einer Ablösung am Ende des Feldes fuhren. Es hätte die entscheidende Attacke sein können! Keisse und De Buyst mussten sich erst durch das Peloton kämpfen, um reagieren zu können. Sie jagten zunächst hinterher und überlegten es sich dann doch anders. Sie stoppten ab, ließen sich vor das Feld zurückfallen und zogen dann das Tempo wieder an. Bei einem Ausreißversuch ist das die Höchststrafe. Wenn das Feld Tempo macht und die Jäger zu den Gejagten werden... Reinhardt und Hester versuchten alles, gingen mehrfach aus dem Sattel, um ihr Tempo zu erhöhen, aber sie konnten den Abstand zum Feld nicht vergrößern. So lässt ein Feld den Konkurrenten auf der Flucht verhungern.
Drei Minuten vor dem Ende gaben Reinhardt und Hester auf und ließen sich ins Feld zurückfallen. Diesen Moment nutzen Grasmann/Mørkøv und Consonni/Marguet für ihre entscheidende Attacke. Und nachdem Consonni und Marguet kurz vor der Glocke eine Ablösung verpassten, konnte Jesper Mørkøv unbedrängt und ausgelassen jubelnd über die Ziellinie fahren.

Iljo Keisse und Jasper De Buyst reichten sechs Punkte für den fünften Platz in dieser Jagd, um über die 100 Punkte zu kommen und sich dadurch eine Bonusrunde zu verdienen. Deshalb starten sie als einziges Team in der Nullrunde in den langen Samstag, der mit dem Kindernachmittag schon um 13 Uhr beginnt.

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Drei Fragen an Erik Weispfennig

Die Jagd am Eröffnungsabend - mit 13 Verlustrunden von Fahrern, die das Tempo im Feld nicht mithalten konnten – sorgte für viele Diskussionen. Auf dem täglichen Meeting mit den Sportjournalisten nahm der Sportliche Leiter Erik Weispfennig Stellung:

Frage: Erik, hast Du eine solche Jagd mit so vielen Verlustrunden schon einmal erlebt?

Erik Weispfennig: Nein, eine solche Jagd habe ich noch nicht erlebt. Ich habe aber auch noch nicht erlebt, dass die Spitzenteams sich quasi vom Startschuss an derart behakt haben. Die Jagd war extrem schnell und es gab ständige Tempowechsel. Meistens ist es doch so, dass am ersten Abend noch etwas verhalten gefahren wird, um sich einzurollen und mit allem zurechtzufinden.
Dann hätten sich auch die jungen Fahrer an die Bahn und die noch ungewohnte Umgebung gewöhnen können. Aber so wurden sie kalt erwischt, und haben gleich einen auf die Mütze bekommen.
Ich habe den jungen Fahrer bei der Fahrerbesprechung gesagt: Ihr werdet es hier schwer haben, immer mitzuhalten. Zeigt was Ihr könnt, nicht mehr oder weniger. Und wenn junge Fahrer mal eine solche Packung bekommen, ist das überhaupt nicht schlimm. Schlimm wäre es, wenn jemand mit der Brechstange versuchen würde, mitzuhalten und dabei seine gesundheitlichen Grenzen überschreitet und am nächsten Tag neutralisiert werden muss.
Für die Zuschauer war es ein temporeiches Rennen mit vielen Rundengewinnen und viel Action auf der Bahn. Und deshalb bin ich sehr zufrieden mit dem Verlauf des ersten Abends.

Frage: In Sachen Nachwuchsförderung hat sich einiges getan. Noch vor einigen Jahren waren Nachwuchsrennen bei den Sixdays eher die Ausnahme. Inzwischen hat jedes Sechstagerennen seinen U23-Wettbewerb und die jungen Fahrer haben viel mehr Wettkämpfe. Warum ist dennoch der Sprung zu den Profis immer noch so groß?

Erik Weispfennig: Die Anforderungen sind ganz andere. Bei den Sixdays fahren die Profis einen
Mehrkampf über sechs Abende. Die U23-Rennen sind viel kürzer. Nimm als Beispiel die beiden Belgier Boussaer und Hesters. Die haben im letzten Winter im UIV-Cup alles in Grund und Boden gefahren, haben vier Rennen gewonnen und jetzt merken sie, wie viel ihnen noch fehlt, damit sie als Profis ihr Geld verdienen können.
Aber es gibt keinen anderen Weg. Sechstagerennen ist ein komplexer Sport, in dem nicht nur die körperliche Fitness, sondern auch Technik, Taktik und Rennverständnis gefragt sind. Das lernst Du nur learning-by-doing. Und wie und wo sollen die jungen Talente das lernen, wenn wir ihnen keine Startplätze anbieten?

Frage: Spielt dabei auch eine Rolle, dass es heute wesentlich weniger Sechstagerennen gibt, als noch zu deiner aktiven Zeit?

Erik Weispfennig: Natürlich spielt das eine Rolle. Aber es hat sich noch viel mehr geändert. Ich bin mit 25 Jahren Profi geworden und war dann zwölf Jahre lang hauptberuflich Sechstagefahrer. Ich habe damit genug Geld verdient, um meiner Familie und mir den Lebensunterhalt zu sichern.
Aber den Beruf „Sechstagefahrer“ gibt es heute nicht mehr. Das Geld wird auf der Straße verdient. Oder als Bahnfahrer in der Nationalmannschaft. Und die Anforderung der Straßenteams oder der Nationalmannschaft haben dann natürlich Vorrang. Deshalb haben die Fahrer heute viel weniger Möglichkeiten, bei Sechstagerennen zu starten und die nötige Erfahrung zu bekommen, um irgendwann mal zum Siegfahrer werden zu können.
Um so wichtiger ist es, dass wir ihnen diese Chancen geben.





Blumen für die „Sieger der Sieger“: (von links nach rechts) Marcel Kalz, Leif Lampater, Jimmi Madsen und Carsten Wolf (Foto: Thorsten Schmidt)
Blumen für die „Sieger der Sieger“: (von links nach rechts) Marcel Kalz, Leif Lampater, Jimmi Madsen und Carsten Wolf (Foto: Thorsten Schmidt)

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