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Adventskalender am 7. Dezember: Interview mit Fabian Lienhard – Ein junger Schweizer aus einer Familie mit Radsporttradition
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07.12.2017

Adventskalender am 7. Dezember: Interview mit Fabian Lienhard – Ein junger Schweizer aus einer Familie mit Radsporttradition

Autor: Christine Kroth (Cofitine)



  07.12.  
Vor drei Wochen, an einem ziemlich grauen und kalten Samstag im November, traf ich mich mit dem jungen Schweizer Radprofi Fabian Lienhard in einem Café in Klingnau, unweit der deutschen Grenze, zum Interview. Er ist hier in der Gegend zu Hause und hatte zu dieser Zeit Urlaub. Trotzdem hat er sich an diesem frühen Samstagnachmittag Zeit für uns genommen.
Wir sprachen über seinen Werdegang, der Situation im Radsport im Allgemeinen und im Speziellen über die Situation in der Schweiz, und auch über persönliches.
Mit diesem Interview möchten wir den 24jährigen Allrounder auch etwas näher vorstellen.



Der LiVE-Radsport.com Adventskalender 2017
Bis Weihnachten präsentieren wir euch täglich einen besonderen Beitrag, um in der an Radrennen ärmeren Adventszeit keine Langeweile aufkommen zu lassen.


Interview mit Fabian Lienhard:
Teil 1Teil 2Teil 3



Eine Radsportfamilie aus Steinmaur


Fabian Lienhard
Fabian Lienhard, geboren am 03.09.93, kommt aus Steinmaur im Kanton Zürich. Er ist dort im örtlichen Radsportverein, der alljährlich ein internationales Radquer veranstaltet (mit Ausnahme von dieser Saison, da im Januar dort die Nationalen Cross-Meisterschaften stattfinden), tief verwurzelt.
Fabian ist gelernter Landmaschinenmechaniker und hat sich erst recht spät ganz auf den Radsport konzentriert.
2017 war seine erste Saison als Profi, im letzten Jahr war er Stagiaire beim Team BMC-Racing. Seine erste Saison hat er für das Team Vorarlberg bestritten, zur Saison 2018 steht ein erneuter Teamwechsel an. Im nächsten Jahr wird er für das US-amerikanische Pro-Continental-Team Holowesko – Citadel Racing an den Start gehen.

Fabians Vater war selbst zehn Jahre Radprofi, durch ihn ist er zum Radsport gekommen. Er hat zwei Schwestern. Eine hat das Down-Syndrom, sie ist sein größter Fan, wie er sagt. Die andere arbeitet als Heilpädagogin. Die Familie begleitet ihn häufig zu Rennen.
Fabian kommt aus einer Radsportfamilie. Nicht nur sein Vater war Profi, auch sein Onkel war Aktiver im Cross-Bereich. Später wurde er der Organisator des Radquer in Steinmaur und nahm ihn mit zu diesem Rennen. Fabian erzählt, dass er das Kinderrennen aus Spaß mitgefahren ist. Vier Jungs seien sie gewesen und es habe eine Weile gedauert, bis er mitgefahren ist. Als er dann aber angefangen hat mit dem Radsport, ist er gleich eine ganze Saison durchgefahren und ist dann dem Radsport weiter treu geblieben.

Von der Mechaniker-Ausbildung zum Radprofi

Nebenbei hat er, der sich, wie er erzählt, gerne handwerklich betätigt, eine vierjährige Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker absolviert. Während andere, die noch die Schule besucht oder studiert haben, schon am Nachmittag mit dem Radtraining starten konnten, hatte er erst nach Feierabend, oft wenn es schon dunkel war, die Gelegenheit dazu. Dadurch hätten gleichaltrige Fahrer, wie etwa Stefan Küng (gleicher Jahrgang, Anmerkung der Autorin), einen deutlichen Vorsprung in ihrer Entwicklung im Radsport gehabt und seinen jetzt auch sportlich gesehen schon deutlich weiter als er. Fabian selbst sagt, er habe durch seine Ausbildung im Vergleich in seiner radsportlichen Entwicklung zwei Jahre verloren. Aber er habe den Job sehr gerne gemacht, sei immer sehr gerne morgens dafür aufgestanden. Während seiner Ausbildung habe er auch nie daran gedacht, dass er dadurch Zeit verlieren würde. Dies habe er erst in Rückblick auf diese Zeit erkannt.
Doch die Ausbildung hat ihn geerdet. Fabian ist ein sehr bodenständiger Typ, der sehr motiviert sein Leben als Radprofi und sein Training gestaltet. Er genießt das Leben als Radprofi und das Privileg, jetzt mehr Zeit zu haben als früher und sich auch mal am Nachmittag mit Freunden verabreden zu können, wenn er zuhause ist, während andere noch arbeiten müssen. Dabei habe er auch festgestellt, dass viele Kollegen, die im Juniorenalter schon in professionellen Strukturen Radsport betrieben haben, jetzt nicht mehr so motiviert sind. Wobei er betont, dass gerade Stefan Küng ein Ausnahmetalent ist und auch heute sehr professionell lebt und arbeitet.


Radquer in Steinmaur 2014
In der Jugend hat er alle Radsportdisziplinen ausprobiert, er war im Gelände, auf der Bahn und der Straße aktiv. Im Cross-Bereich hat er auch mal eine komplette Saison in Belgien absolviert, was ihm sehr gut gefallen habe, vor allem auch wegen der Stimmung in Belgien und der Begeisterung der Zuschauer. Im letzten Jahr, mit 23 Jahren und nach dem Ende seiner Ausbildung, habe er sich dann entscheiden müssen. Seine Entscheidung ist auf den Straßenradsport gefallen.
Cross-Rennen möchte er auch weiterhin bestreiten, dies aber dann nur als Training. Gerne würde er die Schweizer-Cross-Meisterschaften im Januar in seinem Heimatort Steinmaur bestreiten, doch es ist noch nicht sicher ob das mit der Vorbereitung auf die Straßensaison vereinbar ist und ob er dafür die Freigabe seines neuen Teams erhält.

2015 war er 6. bei den Straßenweltmeisterschaften in Richmond in der Klasse U23. Zu diesem Zeitpunkt und auch noch nach der WM habe er noch halbtags in seinem erlernten Beruf gearbeitet.
2016 kam Fabian zum BMC-Development-Team wo er erstmals professionelle Strukturen kennenlernte. Im Sommer 2016 kam er als Stagiaire zum Team BMC-Racing und hat dort erstmals gesehen wie es genau im Profizirkus läuft. Erst ab da habe er wirklich gewusst, was es bedeutet Radprofi zu sein und was für ein Privileg das ist.

Die Weltmeisterschaft in Bergen

Am BMC-Racing-Team hatte er auch Aussichten auf einen Vertrag gehabt. Lange habe es gut dafür ausgesehen, wie er mir berichtet. Am Ende hat es aber nicht geklappt, gleich in die höchste Radsportklasse einzusteigen. Nach längerer erfolgloser Teamsuche kam er dann letztlich beim österreichischen Continental-Team Voralberg unter. Ein Team in relativer Nähe zu seinem Lebensmittelpunkt und mit gutem Rennprogramm. Am Ende hat sich das Jahr bei Vorarlberg für ihn sehr ausgezahlt, denn das Rennprogramm glich doch sehr dem Programm eines Pro-Continental-Teams. Zudem hatte er die Freiheit, selbst zu entscheiden, welche Rennen er fährt, und war am Ende bei fast jedem Rennen dabei, das das Team bestritten hat.

Seinen Saisonhöhepunkt hatte Fabian bei der Straßen-WM in Bergen, für die er, für viele überraschend, nominiert worden war. Was nicht jedem gefallen hat; gerade einige arrivierten Schweizer Fahrer, die nicht nominiert worden waren, hätten ihm die Berufung in den WM-Kader geneidet. Letztlich habe aber die Leistung den Ausschlag gegeben. Nationaltrainier Danilo Hondo habe ein homogenes WM-Team zusammengestellt aus erfahrenen und jungen Fahrern.
Was ihn etwas ärgert, dass am Ende nur das Ergebnis gesehen wurde. Doch Platz 100, den er beim WM-Rennen errungen hat, sagt für ihn nicht aus, was er während des Rennens geleistet hat. Bis zur letzten Runde konnte er seinem Leader Michael Albasini als Helfer zur Seite stehen. Zudem war es für ihn eines der längsten Rennen, das er bislang bestritten hat.

Michael Albasini äußerte sich nach dem Rennen in der Öffentlichkeit dann auch sehr zufrieden mit der Leistung des Teams und der Arbeit seiner Helfer. Dies ist Fabian auch sehr wichtig. Er selbst ist sehr zufrieden und glücklich mit seiner Leistung bei der WM, bei der er sich einem bereiten Publikum zeigen konnte. Zudem habe er von den erfahrenen Profis sehr viel lernen können.
Die WM-Teilnahme (er war auch im Vorjahr bereits ins WM-Aufgebot berufen worden) bezeichnet er als „andere Dimension“.
Die WM in Bergen selbst hat er in bester Erinnerung. Besonders am Salmon-Hill habe eine unglaubliche Atmosphäre geherrscht, man habe nichts mehr gehört außer den Lärm der Zuschauer. Es sei eine Atmosphäre wie in einem Fußballstadion gewesen, was man, wie er sagt, bei einem Radrennen doch eher selten hat. Fabian bezeichnet es als „Gänsehaut-Feeling“.
Zudem sei das Publikum sehr fair gewesen. Die tolle Strecke und die besondere Landschaft rundeten sein WM-Erlebnis ab.

Gute Saison in Diensten des Teams Vorarlberg


GP Kanton Aargau 2017
Rückblickend auf die vergangene Saison äußert sich Fabian sehr zufrieden. Was ihm allerdings fehlte war ein Sieg. Trotz konstant guter Leistungen und etlicher Top-10-Platzierungen ist es das, was etwas an ihm nagt.
Insgesamt bei vier Rennen hat er den Sprung aufs Podium geschafft, zuletzt am 01. Oktober bei der Tour de Vendée. Als seinen größten Erfolg in der vergangenen Saison nennt er seinen dritten Platz bei Rund um Köln, auch wegen seiner offensiven Fahrweise in diesem Rennen. Und weil er zu diesem Zeitpunkt der Saison im Juni in einer sportlich sehr guten Phase gewesen ist.
Am ersten Sieg als Profi ist er bei der Tour of Hainan in China vor kurzem sehr nahe dran gewesen. Auf der 5. Etappe war er nur 250 Meter vor dem Ziel eingeholt worden.
Nach ein guten Saison hatte er sich auf dieses Rennen aber nicht mehr richtig vorbereitet, wie er mir erzählt. Im Vorfeld des Rennens sei er mit Freunden wandern gewesen, habe weniger auf dem Rad trainiert. Beim Rennen selbst wollte er aber nicht nur mitfahren, sondern sich offensiv zeigen, habe deshalb mehrfach attackiert. Doch das letzte Quäntchen habe gefehlt, er habe es aber eher mit der Brechstange und nicht mit letzter Konsequenz versucht. So erklärt er den knapp verfehlten Erfolg zu Ende der Saison.





Fabian Lienhard beim Interview mit LiVE-Radsport.ch im November 2017
Fabian Lienhard beim Interview mit LiVE-Radsport.ch im November 2017

Fabian Lienhard beim Radquer in Steinmaur 2014
Fabian Lienhard beim Radquer in Steinmaur 2014

Fabian Lienhard im Trikot von Vorarlberg bei seinem Heimrennen GP des Kantons Aargau 2017
Fabian Lienhard im Trikot von Vorarlberg bei seinem Heimrennen GP des Kantons Aargau 2017

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