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Giro d´Italia als Wintersport: Nibali trotzt Schnee und Kälte den Sieg an den Drei Zinnen ab
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25.05.2013

Giro d´Italia als Wintersport: Nibali trotzt Schnee und Kälte den Sieg an den Drei Zinnen ab

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Info: GIRO D´ITALIA 2013
LiVE-Ticker zum Nachlesen: Flash | Text
Autor: Heike Oberfeuchtner (H.O.)



Tre Cime di Lavaredo, 25.05.2013 - Im Stile eines Champions hat Vincenzo Nibali (Astana) die letzte Bergetappe des 96. Giro d'Italia gewonnen und seinem voraussichtlichen Gesamtsieg damit den letzten Schliff verpasst. Trotz seines bereits komfortablen Vorsprungs exponierte sich der 28-jährige Sizilianer am Anstieg zu den Tre Cime di Lavaredo und triumphierte bei dichtem Schneetreiben auf der improvisierten Cima Coppi, 2300 Meter über Meeresniveau. Circa zwanzig Sekunden später erreichte ein kolumbianisches Trio mit Fabio Duarte (Colombia), Rigoberto Uran (Sky) und Carlos Betancur (Ag2r) das Ziel. Cadel Evans (BMC) verlor anderthalb Minuten, Rafal Majka (Saxo-Tinkoff) immerhin eine Minute auf den Tagessieger, wodurch Uran in der Gesamtwertung an Rang zwei aufstieg und Betancur sich das Weiße Trikot zurückholte.

Di Luca und Belkov raus - aus sehr verschiedenen Gründen
Nach dem unverhofften, aber vielleicht auch nicht unwillkommenen zusätzlichen Ruhetag gestern, standen den Fahrern heute noch einmal 210 harte Kilometer durch Südtirol bevor. Zwar waren aufgrund der winterlichen Witterungsverhältnisse gleich drei Pässe - der Costalunga, der San Pellegrino, und der Giau - gestrichen worden, und die Veranstalter wiesen nachdrücklich daraufhin, dass man fast gänzlich auf (gefährliche) Abfahrten verzichtete. Doch der Anstieg auf die Tre Cime di Lavaredo - das wohl charakteristischte Felsmassiv der Dolomiten - mit dem vorgelagerten Passo Tre Croci waren Herausforderung genug, zumal bei den äußeren Bedigungen, die zurzeit (nicht nur) in Italien und gerade in höheren Gebirgslagen herrschen. In Silandro (Schlanders) traten nur noch 169 Athleten die vorletzte Etappe an. Der scheinbar unverbesserliche Danilo di Luca (Vini Fantini) war nach Bekanntwerden einer positiven Doping-Probe von Ende April aus der Rundfahrt ausgeschlossen worden. Außerdem musste Robert Gesink (Blanco), der vor noch nicht allzu langer Zeit im Gesamtklassement sehr gut platziert gewesen war, krankheitsbedingt die Segel streichen. Des Weiteren hatte die Jury Maxim Belkov (Katusha), den Sieger der neunten Etappe, wegen Überschreitung des Zeitlimits im Bergzeitfahren nach Hause geschickt.

Etappensieger Hansen in Fluchtgruppe dabei
Erst nach 25 Kilometern, aber noch bevor der abschüssige Streckenteil in den kontinuierlichen Anstieg Richtung Kiens und Toblach überging, löste sich eine vierköpfige Fluchtgruppe aus dem Feld. Giairo Ermeti (Androni-Giocattoli), Pavel Brutt (Katusha), Yaroslav Popovych (Radioshack) und Adam Hansen (Lotto-Belisol) - der Gewinner der siebten Etappe - bauten ihren Vorsprung schnell auf über acht Minuten aus. Auch später ließ die Mannschaft Euskaltel-Euskadi, welche für den im Bergzeitfahren lange Zeit führenden Samuel Sanchez das Tempo machte, dem Quartett relativ viel Spielraum. Erst nach über 100 Kilometern begann sich das Blatt wirklich zu wenden. Am Traguardo Volante bei Selva di Cadore (km 153,7) erkämpfte Mark Cavendish (Omega Pharma) sich jenen einen Punkt fürs Punkteklassement, welchen die Fluchtgruppe, angeführt von Brutt, übriggelassen hatte. Kurz darauf ging es in die Abfahrt hinunter zum berühmten Wintersportort Cortina d'Ampezzo, wo Popovych sich absetzte und den zweiten Zwischenspurt gewann.

Brutt versucht es auf eigene Faust
Doch nicht der Ukrainer, sondern vielmehr der Russe Pavel Brutt war es, der seinen Begleitern am Fuße des Passo Tre Croci entkommen und noch ein paar Akzente setzen konnte. Der "Pass der drei Kreuze" erhielt seinen Namen angeblich zum Gedenken an eine Mutter und ihre zwei Kinder, die im Winter 1789 auf ihrem Marsch nach Cortina in der Eiseskälte ums Leben kamen. Eine tragische Geschichte, die gerade heute angesichts der Witterungsbedingungen nur allzu nachvollziehbar war. Denn je höher die Fahrer kletterten, desto mehr sackten die Temperaturen in den Keller, desto größer wurden die Schneefelder links und rechts der Straße und desto ausgeprägter die Atemwolken vor den Gesichtern. Während sich das jetzt von Cannondale angeführte und schon stark dezimierte Haupfeld den Ausreißern Hansen, Popovych und Ermeti näherte, kamen auch noch bitterkalte Regentropfen hinzu. Pieter Weening (Orica-GreenEdge), der zu Beginn der Rundfahrt aussichtsreich platziert, nun aber weit zurückgefallen war, setzte sich noch im unteren Teil des Anstiegs ab. Auch Bergtrikotträger Stefano Pirazzi (Bardiani Valvole) und David Atapuma (Colombia), von dem viele sich vor dem Giro mehr erwartet hatten, bliesen zum Angriff auf den Tagessieg.

Weening und Capecchi setzen sich in Szene
Brutt erreichte die Bergwertung am Passo Tre Croci 26 Sekunden vor Weening, der wenig später Gesellschaft von Pirazzi und von Gianluca Brambilla (Omega Pharma) erhielt. Atapuma hingegen hatte zurückstecken müssen. Seinem Landsmann Carlos Alberto Betancur (Ag2r-La Mondiale) erging es in diesen Augenblicken auch nicht gerade gut. Nach einem Defekt hatte der Kolumbianer lange um den Anschluss gekämpft, auch weil Rafal Majka bzw. Saxo-Tinkoff das als eine willkommene Gelegenheit nahm, den Konkurrenten ums Weiße Trikot loszuwerden. Auf der kurzen Zwischenabfahrt holten Weening, Brambilla und Eros Cappecchi (Movistar), der Pirazzi in der Verfolgergruppe abgelöst hatte, den letzten verbliebenen Ausreißer Pavel Brutt ein. Dann begann der 7km lange Schlussanstieg zu den Drei Zinnen, der mehrere Passagen mit 18-prozentiger Steigung aufweist. Capecchi fühlte sich stark genug, die Kletterei alleine anzugehen und machte tatsächlich den Eindruck, als sei ein fünfter Tagessieg für Movistar zum Greifen nahe. Doch er hatte die Rechnung ohne Vincenzo Nibali gemacht.

Kampf gegen die Elemente...
Ungeachtet der Tatsache, dass sein Vorsprung im Gesamtklassement gegenüber Cadel Evans vier Minuten betrug und dass er sich hinter seinen verbliebenen Astana-Kollegen hätte verstecken können, ging der Mann in Rosa zum Angriff über. Er neutralisierte dadurch einen Vorstoß von Robert Kiserlovski (Radioshack) sowie von Pirazzi und Atapuma - die es noch einmal wissen wollten - und war auch an Eros Capecchi schnell dran. Längst hatten sich die Niederschläge in Schneeregen und schließlich in dichtes Schneetreiben verwandelt. Mit stoischem Gesichtsausdruck trotzte Nibali dem Berg und dem Winterwetter Meter um Meter ab, während alle Fahrer hinter ihm sich auf den Kampf um Platz zwei konzentrieren mussten. Der im Gesamtklassement an Rang drei gelegene Kolumbianer Rigoberto Uran (Sky) bildete zusammen mit seinen Landsleuten Carlos Betancur und Fabio Duarte (Colombia) ein Trio, welches Nibali in einigem Abstand die Rampen hochfolgte. Evans nahm die Verfolgung auf, doch ein Defekt keine 2km vor dem Ziel warf ihn erneut zurück, kostete ihn Nerven und - was noch schlimmer war - sehr viel Zeit.

... und ums Weiße Trikot
Wie der Träger der Maglia Rosa sich durch die Schneeflocken pflügte und zwei Tage nach seinem Triumph im Bergzeitfahren auf den Tre Cime die Lavaredo dem bevorstehenden Giro-Sieg zusätzlich Glanz verlieh - das gehört zu den heroischen Geschichten, die der Radsport immer noch zu schreiben vermag und zu den spektakulären Bildern, welche von der Italienrundfahrt im Gedächtnis bleiben werden. Nur wenige Stunden trennen Nibali, den Vuelta-Champion von 2010, jetzt noch vom zweiten Grand Tour-Sieg seiner Karriere. In Brescia aufs Podium begleiten werden ihn höchstwahrscheinlich Cadel Evans und Rigoberto Uran - allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Denn da Uran zwei Sekunden hinter dem ehemaligen U23-Weltmeister Duarte und 19 Sekunden hinter dem Tagessieger ins Ziel kam, während der Australier als Etappenvierzehnter anderthalb Minuten zurücklag, verwandelte sich Urans Rückstand in einen 69-sekündigen Vorsprung. Freuen konnte sich auch - und das trotz des Defektpechs unterwegs - Carlos Betancur, der Etappenvierter wurde (+0:21), Rafal Majka Zeit abnahm und sich das Nachwuchstrikot zurückholte. Der Pole fiel im Gesamtklassement auf Rang sieben zurück, während Betancur sich auf Rang fünf verbesserte.

Cavendish morgen (vorerst) nur stellvertrend in Rot
Sehr starke Tagesresultate fuhren Nibalis Helfer Fabio Aru und der italienische Meister Franco Pellizotti (Androni) ein, die als Fünfter und Sechster finishten. Dahinter folgte Domenico Pozzovivo (Ag2r), der sich zurück unter die besten zehn der Gesamtwertung schob. Scarponi, Niemiec (beide Lampre), Benat Intxausti (Movistar) und Mauro Santambrogio (Vini) verteidigten zwar ihre Top 10-Platzierungen, mussten aber Zeit- und zum Teil Positionsverluste in Kauf nehmen. Einer der Leidtragenden der heutigen Etappe war in gewisser Weise auch Mark Cavendish. Zwar konnte Evans, bislang der größte Konkurrent im Kampf um die Maglia Rossa, nur zwei Pünktchen holen. Doch Nibali machte durch seinen erneuten Etappenerfolg einen Sprung von Platz drei auf eins und liegt jetzt elf Punkte vor Cavendish. Dem schnellen Briten sollte es morgen allerdings gelingen, endlich das ersehnte Punktetrikot des Giro in sein Palmarès einzugliedern. Die Maglia Azzurra war Stefano Pirazzi schon vor der Etappe sicher gewesen, da selbst die Cima Coppi - die vom unpassierbaren Stelvio auf die Drei Zinnen verlagert worden war - nicht genug Punkte einbrachte, um ihn von Platz eins zu verdrängen. Rafael Andriato (Saxo), der nach dem Ausschluss von Belkov wieder an der Spitze der TV-Wertung liegt, kann sich seines Siegs allerdings noch nicht gewiss sein. Nur zwei Punkte liegt Cameron Wurf (Cannondale) zurück.

Gänzlich flach, aber mit 197 Kilometern ungewöhnlich lang präsentiert sich die morgige 21. und letzte Etappe des Giro 2013. Von Riese Pio X geht es nach Brescia, das von der Italienrundfahrt sowohl für Ankünfte wie für Etappenstarts schon unzählige Male genutzt wurde. Zuletzt gewann dort André Greipel, als er sich 2010 vor Julian Dean und Tiziano Dall'Antonia ins Ziel katapultierte. Mark Cavendish freilich fehlte damals.

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Nibali trotzt Schnee und Kälte den Sieg an den Drei Zinnen ab
Giro d´Italia: Nibali trotzt Schnee und Kälte den Sieg an den Drei Zinnen ab - Uran und Betancur weitere Gewinner
Foto: Sabine Jacob

Fabio Duarte
Fabio Duarte
Foto: Sabine Jacob

Rigoberto Uran
Rigoberto Uran
Foto: Sabine Jacob

Samuel Sanchez
Samuel Sanchez
Foto: Sabine Jacob


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